Lara

Als wir im letzten Jahr nach Lamberg übersiedelten, wussten wir noch nichts über die Drosendorfs. Unsere Gärten sind zwar durch eine zwei Meter hohe Mauer voneinander getrennt - wir hätten uns niemals auf einem Grundstück niedergelassen, auf dem wir den neugierigen Blicken unserer Umgebung ausgesetzt gewesen wären - aber vom Fenster meines Arbeitszimmers aus konnte man ein Stück der Drosendorfschen Terrasse sehen, und zwar gerade jenen kleinen, aber wichtigen Ausschnitt, auf dem bei schönem Wetter tagtäglich Armlehne an Armlehne die beiden Liegestühle standen.

An jenem Tag, als ich sie das erste Mal bemerkte, arbeitete ich an einer Kurzgeschichte, die von einem Mord handeln sollte. Ich liebe Mord, allerdings war noch keiner meiner Morde auf 80 Zeilen unterzubringen gewesen. Ich kritzelte eine Leiche in mein Notizheft und dachte nach. Als ich mir einen Apfel aus der Küche holen wollte, fiel mein Blick durchs Fenster. Da unten war Drosendorf, ein dürrer, weißhaariger Herr, gerade dabei, die beiden Liegestühle aufzustellen, genau parallel zueinander und parallel zu den einfallenden Strahlen der Frühjahrssonne. Ich wartete, bis er heraufblickte, und winkte ihm zu, und er winkte zurück. Er rückte dann auch den Gartentisch an die beiden Liegestühle heran, brachte zwei Tassen, zwei Zeitungen, eine Kanne Kaffee und kümmerte sich nicht weiter um mich. Als ich mit dem Apfel in der Hand wieder am Fenster vorbei meinem Mord entgegenschlich sah ich ihn im rechten der beiden Liegestühle sitzen, die Zeitung über den Knien ausgebreitet, die Hand an der halbausgetrunkenen Tasse. Die Zeitung seiner Frau lag aufgeschlagen auf dem Tisch, auch in der Tasse seiner Frau stand noch ein Rest Kaffee.

Ich hatte keinen guten Tag fürs Schreiben. Bloß in der gekritzelten Leiche steckte jetzt ein Messer.

Als ich am Nachmittag wieder einen Blick aus dem Fenster riskierte, kam Herr Drosendorf gerade in meinen Terrassenausschnitt geschlurft, verrückte die beiden Liegestühle, sodass sie wieder parallel zur Sonne standen, schob auch den Tisch in die richtige Lage und brachte für seine Frau den Korb mit der Strickerei. „Oder willst du nicht in der Sonne sitzen, Lara?"

Die Strickerei von Frau Drosendorf wuchs von Tag zu Tag, mein Mord blieb liegen. Ich kam dahinter, dass Herr Drosendorf alle zwei Stunden die Liegestühle nach der Sonne ausrichtete, auch dann, wenn er für Frau Drosendorf den Sonnenschirm aufspannte.

Eines Tages begegnete ich Herrn Drosendorf im Supermarkt. Er legte neben einigen Nahrungsmitteln auch Lockenwickler, Lippenstift und Nagellack in den Einkaufswagen. Er sagte, er hätte mich und meinen Mann gerne einmal zum Kaffee eingeladen, aber seine Frau sei sehr krank. Also wurde nichts aus der Einladung.

„Bist du sicher, dass es eine Frau Drosendorf gibt? Wir haben Frau Drosendorf ja noch gar nie gesehen“, sagte mein Mann, als ich das Messer aus meiner gekritzelte Leiche auf Hinweise auf den Täter untersuchen wollte.

Ich starrte aus dem Fenster. Drosendorf stand neben seinem Liegestuhl und hielt die Strickerei, die sich zu einem gut zwei Meter langen Schal entwickelt hatte, in die Höhe. „Du kannst aufhören, Lara. Er ist lang genug." Er legte den Schal in den Korb, richtete die beiden Liegestühle wieder sorgfältig nach der Sonne aus und ließ sich im rechten nieder, ohne dass Lara in meinem Terrassenausschnitt erschienen wäre.

„Drosendorf hat seine Frau umgebracht“, sagte ich zu meinem Mann, machte aus der bisher männlichen Leiche eine weibliche, radierte das Messer aus und ließ sie vom einem Schal erdrosselt sein. Ich wusste auch, dass für den alten Mann Lara noch am Leben war, dass er sie aufopfernd umsorgte und pflegte, dass er ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Ebenso lebte Lara noch für die ganze Nachbarschaft, sie bekam Briefe, sie hörte Beethoven, während ihr Mann Besorgungen macht. Sie ließ auch durch ihren Mann manchmal Selbstgebackenes für die Seniorenjause in der Pfarre verteilen. Ob sie auch eine Pension bezog, weiß ich nicht.

Ein paar Tage später rückten die Liegestühle auf der Terrasse nicht mehr der Sonne nach. Sie standen nach Westen gerichtet nebeneinander, Armlehne an Armlehne, Drosendorf hatte sie am Abend nicht weggeklappt wie sonst immer. Das Leinen war vom Regen schwer und knatterte im Wind. Ich schickte meinen Mann. Er sträubte sich. Er fürchtete, einer mit Lockenwicklern geschmückten Mumie gegenübertreten zu müssen, mit gepudertem Gesicht und hochsteigenden, roten Fäden überm Mund.

Der Anblick blieb ihm erspart. Die Bestattung holte Herrn Drosendorf ab, nachdem die Polizei den Schal abgeschnitten hatte.

Ich glaube immer noch an Mord.